"I gonna fire this idiot of a tourmanager!" - Interview mit Philippe Cornu

24.08.2015 - People
Philippe Cornu, seit 25 Jahren holst du das "who is who" der Musikszene ans Gurtenfestival. Wenn du dich für eine Band / einen Künstler entscheiden musst: Wer war dein ganz persönliches Highlight dieser letzten 25 Jahre?
Philippe Cornu: Mein künstlerisches Highlight der letzten 25 Jahre war ein kleiner, stiller, unscheinbarer Mann mit einem übergrossen Herzen, einer schweren Seele und einer unglaublichen Musikalität und Leidenschaft: 
Jeff Buckley wurde durch seine Interpretation von "Hallelujah" bekannt. Geschrieben hat dieser Song der kanadische Singer / Songwriter Leonard Cohen, in die Herzen der Menschen brannte ihn Jeff Buckley.
Buckleys Musik lebte von seiner weichen Stimme, die über mehrere Oktaven reichte und von seiner grossen Improvisationsfähigkeit. Viele Musiker aus der Singer / Songwriter-Branche nennen ihn als wichtige Inspirationsquelle, unter ihnen Coldplay, Thom Yorke von Radiohead und Muse-Frontmann Matthew Bellamy. Jeff Buckley ertrank 1997 unter ungeklärten Umständen im Mississippi. Er spielte zwei Jahre vor seinem Tod auf der Waldbühne des Gurtenfestivals ein unvergessliches Konzert. Sein einziges - 1994 erschienenes - Studioalbum "Grace" gilt als eines der besten Alben der 90er Jahre. 

Welches ist deine schwierigste Erinnerung, wenn du an die letzten 25 Jahre Gurtenfestival zurückdenkst?
Als Sinead O'Connor 1998 auf der Hauptbühne spielte, überlagerten sich die Konzerte der Zeltbühne und Hauptbühne jeweils um eine halbe Stunde. Man hörte aus der Ferne, dass es im Zelt oben mit H-Blockx ziemlich abging. Der Tourmanager von Sinead bestand in höchst arroganter Weise darauf, dass wir das Konzert im Zelt abrechen müssten, sonst würde Sinead nicht spielen. Als junge Veranstalter liessen wir uns blenden und beeindrucken und brachen das Konzert im vor Begeisterung kochenden Zelt ab. Sehr zum Unverständnis der Fans und der Band. Ich musste Henning Ahrens, dem Leadsänger von H-Blockx nach vielen Entschuldigungen versprechen, dass sie das Konzert nachholen dürften. Das Versprechen haben wir 2001 eingelöst. Aber das Peinlichste daran war, dass ich nach dem Konzert zu Sinead in die Garderobe gerufen wurde, weil sie hörte, dass wir wegen ihr ein Konzert abbrechen mussten. Sie wollte die Umstände erfahren und dann lehrte sie mich etwas, was ich nie mehr vergessen werde und mich seither stets daran hielt: "In solchen Situationen, Phil, musst Du immer mit dem Künstler oder der Künstlerin direkt reden, ich hätte dem niemals zugestimmt!" Und die zweite Aussage war: "I gonna fire this idiot of a tourmanager!"

Anfang Jahr hast du dich von Appalooza getrennt und hast deine eigene Agentur, die Wild Pony AG gegründet. Was ist der Grund dieser Neuorientierung und welche Auswirkungen hat sie auf das Gurtenfestival?
Ich habe mich aufgrund verschiedener Veränderungen in meinem Leben dazu entschlossen, mich auf den Kern meiner Arbeit, meiner Leidenschaft zu konzentrieren: die Musik und das damit verbundene Booking von Acts an verschiedene, passende Veranstaltungen. Als ich zu diesem Entscheid gelangte, beschloss mein langjähriger Freund und Booking-Partner Pascal Rötheli, welcher für das Booking des Bierhübelis zuständig war, diesen Weg mit mir zu gehen. Wir betreuen nach wie vor die Booking-Mandate des Gurtenfestivals und des Bierhübelis in gutem Einvernehmen mit Appalooza.

Wie bist du zum Namen „Wild Pony“ als Bezeichnung für deine neue Firma gekommen? Was ist die Geschichte dieses aussergewöhnlichen Namens?
Die lange oder die kurze Version? Die Lange, okay. Als Carlo Bommes und ich im Jahre 1998 die Eventagentur "Appalooza" gründeten um den Fortbestand des Gurtenfestivals zu sichern, kam ich gerade von einer Reise aus diversen Indianer-Reservaten in den U.S.A. zurück. Ein Name auf einem Plakat, welches ich in New Mexico sah, liess mich nicht mehr los: Appaloosa. Ich habe den Namen recherchiert und stiess auf den Indianerstamm Nez Perçé, welcher am Palousa-River Pferde züchtete und sie Appaloosa nannte. Appaloosa Pferde gelten als zuverlässig, intelligent und ausdauernd. Gute Eigenschaften für eine neue Firma. Wir verpassten Appalooza noch den Event-Z zur besseren Unterscheidung und die neue Firma war geboren. Als Pascal Rötheli und ich ende April 2015 die Firma Appalooza verliessen, meinte meine Frau: "So, nun seid ihr beiden zwei wilde Ponys!" Heyho, let's go, der zweite Firmenname war geboren: wildpony.

In deiner neuen Firma ist „Booking“ das Kerngeschäft. Was braucht es, um als Booker erfolgreich zu sein?
Das A und O unseres Berufes sind die persönliche Leidenschaft für Musik und das Durcharbeiten von Infos aus der digitalen Welt und aus Musikzeitschriften. Dazu kommt der Austausch mit allen Bookern Europas, das ernst nehmen von Meinungen des Publikums und dann Musik hören, Musik hören und Musik hören...! Und natürlich ein über lange Jahre aufgebautes Netzwerk zu den Künstleragenten in der ganzen Welt. In the end it's a people's business.

Wie hat sich das Booken von Künstlern in den letzten 25 Jahren verändert? Was ist einfacher, was ist schwieriger, was ist einfach „anders“ geworden?
In den letzten Jahren wurde es zunehmend schwieriger herauszufinden, was in der Schweiz gut ankommt, was die Leute wirklich hören und live sehen möchten, denn die Zeiten der 100'000mal verkauften CDs eines Künstlers sind vorbei, was für uns Booker oftmals ein guter Gradmesser war. Heutzutage orientieren wir uns an Youtube-Klicks, Facebook-Likes. Spotify-Playlists, Soundcloud-Links und es ist viel schwieriger, eine geographischen Eingrenzung zu machen. Die Welt und eben auch die Musikwelt wird viel globaler und vorallem viel schnelllebiger. Das Interesse an einem ganzen Album sinkt, es werden einzelne Songs herunter geladen, individuelle Playlists erstellt und manchmal kennen die Leute zwar den Songtitel, aber den Bandnamen nicht. Darum erachten wir Booker und Veranstalter es als sehr wichtig, gute Konzert-Plattformen und schöne Konzert-Erlebnisse zu schaffen, damit der Kontakt zwischen Band und Publikum erhalten werden kann. In Bezug auf die möglichen Einnahmen eines Künstlers werden Konzerte zudem immer wichtiger, was aber die leidige Folge hat, dass die Gagenforderungen in den letzten fünf Jahren mindestens um 20% gestiegen sind.
Aber die Arbeit des Bookings war, ist und bleibt spannend und bringt mit sich, dass wir uns ständig mit den aktuellen Trends im technologischen, kommunikativen und musikalischen Bereich auseinandersetzen "müssen". 

Was sich nicht verändert hat und durch die digitale Welt eher noch verstärkt wurde, ist die Bedeutung eines Zitates von Franz Liszt: 
"Die Musik ist als die universelle Sprache der Menschheit zu bezeichnen, durch welche das menschliche Gefühl sich allen Herzen in gleich verständlicher Weise mitteilen kann!


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