Der Zukunftsforscher

15.04.2016 - People
Andreas Steinle setzt sich seit rund 20 Jahren mit Trendforschung auseinander. Im eventmagazin erzählt er, wie Events in der Zukunft aussehen werden. 

Andreas Steinle, wie werden Events in 20 Jahren aussehen, inwiefern werden sie anders sein als heute? 

Andreas Steinle:
Der digitale Einfluss wird im Eventbereich weiter zunehmen. Durch die digitalen Möglichkeiten wird die Zeit vor- und nach dem Event zu einem fixen Bestandteil des Erlebnisses. Ein gutes Beispiel ist der Faktor «Vorfreude».

Studien zeigen, dass die Vorfreude auf einen Event oft grösser ist, als die Freude am Event selbst. Und genau diese Vorfreude kann mit digitalen Instrumenten perfekt bedient und gefördert werden.

Sie sagen, in Zukunft wird bei Events der Vor- und Nachspann immer wichtiger werden. Was bedeutet dies für Planung und Konzept von Veranstaltungen?

Eine Folge dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise ist, dass das Storytelling noch wichtiger wird, als dies heute schon der Fall ist. Events der Zukunft werden einer dramaturgisch gestalteten Erzählstruktur folgen.

Die Geschichte beginnt,  wenn die Leute erfahren, dass die Veranstaltung überhaupt stattfindet und wird so aufgebaut, dass sie im Live Event ihren Höhepunkt erreicht. Und auch wenn der Event vorbei ist, ist die Geschichte noch nicht fertig.

Ziel ist es, dass die Leute die Geschichte mit nach Hause nehmen und auch nach der Veranstaltung mit Event und Community connected bleiben. 

Sie beschreiben, dass der Vor- und Nachspann eines Eventerlebnisses zunehmen wird, gibt es noch andere Aspekte, die sich bei der Realisierung eines Events verändern werden? 

Ich glaube, dass in Zukunft auch die Inhalte «neben der Bühne» wichtiger werden. Der Grund, weshalb Menschen heute Events besuchen, erschöpft sich nicht im Programm auf der Bühne. Es geht ihnen um ein Gesamterlebnis.

Entsprechend wichtig ist es, dass das Programm von korrespondierenden Inhalten neben der Bühne begleitet wird. So wie die Band auf der Bühne die Menschen bewegt, so werden sie auch von der passenden Kulinarik in der Eventlocation abgeholt, oder aber im Stich gelassen. 

Die Digitalisierung unserer Zeit führt dazu, dass wir als Menschen immer mehr Reizen ausgesetzt sind. Was muss ein Event tun, damit er aus der allgegenwärtigen Reizflut noch herauszustechen vermag?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Ein Event muss heute eine ganz besondere Intensität haben, damit er noch als Erlebnis wahrgenommen wird. Um diese Intensität zu generieren, haben Eventmacher zwei Möglichkeiten: Entweder sie machen «mehr Feuerwerk», schaffen grössere Inszenierungen und teurere Dekorationen, mit dem Ziel die Besucher zu beeindrucken, oder sie tun gerade das Gegenteil: 

Sie kreieren Intensität, indem sie Auszeiten schaffen, welche die Menschen berühren. Dies kann geschehen indem tiefe Begegnungen innerhalb einer Event Community gefördert werden, oder auch in dem die Besucher eine Möglichkeit erhalten, tiefe, innere Erfahrungen für sich selbst zu machen. 

Ob ein Event also diese «besondere Intensität» zu schaffen vermag, die er heutzutage braucht, um sich abzuheben, hängt von daher nicht von seiner Grösse ab. 

Wie wichtig ist Echtheit, wenn es darum geht, intensive Erlebnisse zu schaffen? 

Hier gibt es meiner Meinung nach mehrere Aspekte: Einerseits hilft es, wenn eine Story stimmt, andererseits kann ein wirklich guter «Fake» besser sein als die Wirklichkeit. Schliesslich geht es ja bei Events oft auch darum, die Leute aus ihrem Alltag herauszuholen und in eine andere Welt zu entführen.

Ich denke, ob echt oder fake, entscheidend ist, dass der Event eine Seele hat. Was heute sicher weniger denn je funktioniert, ist, wenn die Besucher in die Irre geführt werden. Die Wahrheit kommt heute schneller denn je ans Licht und wird mit den sozialen Medien in kürzester Zeit um die ganze Welt getragen. 

Neue Technologien sind rasant auf dem Vormarsch. Werden Events der Zukunft in erster Linie eine technische Angelegenheit? 

Diese Gefahr besteht nicht. Bei den meisten Trends, die wir beobachten, gibt es auch einen Gegentrend, der für eine Balance sorgt. Bei all den technischen Möglichkeiten unserer Zeit laufen wir manchmal Gefahr, dass wir Technologie um der Technologie Willen einsetzen. 

Ich gehe aber davon aus, dass wir in der Zukunft viel reifer mit den technischen Möglichkeiten umgehen werden als heute. Heute stellt uns der technologische Fortschritt vor grosse Herausforderungen. Wir sind überfordert und wir überfordern, durch die dauernde Reizüberflutung mittels digitaler Technologien. 

Ich bin sicher, dass wir lernen werden, mit technologischen Möglichkeiten reifer umzugehen, auch bei Events.

Warum sind Sie da so sicher? 

Nun, wir sind ja als Menschen grundsätzlich nicht dumm. Irgendwann werden wir realisieren, dass die Reizüberflutung uns ineffektiv und krank macht.

Bereits jetzt ist zum Digitalisierungstrend eine Gegentendenz sichtbar, die wir «digital detox» nennen. Leute suchen Oasen, entscheiden sich, ihr Handy abzuschalten und wieder vermehrt echte Gemeinschaft zu pflegen. 

Sie sprechen Gemeinschaft an, ein Kernthema von Events. Heisst dies, dass Events aus Ihrer Sicht als Zukunftsforscher auch in Zeiten der virtuellen Realität noch eine Daseinsberechtigung haben? 

Absolut. Menschen haben gerade in unserer virtuell geprägten Zeit eine wachsende Sehnsucht nach Gemeinschaft. Und es gibt keine tollere Gemeinschaftserfahrung, als auf einen Event zu gehen und während einer definierten Zeit Teil einer Gruppe zu sein, die einer gemeinsamen Leidenschaft fröhnt.

Das ist Kern und Ziel von Events und das wird in Zukunft als Gegenpol zu all den virtuellen und unwirklichen Elementen unseres Lebens noch wichtiger werden. 

Herzlichen Dank Andreas Steinle für das Gespräch.


Andreas Steinle ist Zukunftsforscher und Geschäftsführer der Zukunftsinstitut Workshop GmbH. Steinle setzt sich seit rund 20 Jahren mit der Trend- und Zukunftsforschung auseinander. Sein besonderes Interesse gilt dabei dem sozialen Wandel und wie sich dieser in neuen Konsum- und Kommunikationstrends ausdrückt. Mehr zu Andreas Steinle.

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